Das Emsland in Schwarz-Weiß
Zwischen Moor, Geschichte und Wandel: Kromschröders Blick auf das Emsland
Zwischen Moor, Geschichte und Wandel: Kromschröders Blick auf das Emsland
Die Serie gilt als eine der eindrucksvollsten fotografischen Dokumentationen des Emslandes in der Zeit des Emslandplans. Sie zeigt Landschaft, Alltag und gesellschaftliche Umbrüche – und eröffnet zugleich einen persönlichen Blick auf eine Region, die sich damals tiefgreifend veränderte.
Werke mit langer Ausstellungstradition
Es ist nicht die erste Präsentation der berühmten sechzig-teiligen Serie des Reporters, Bildjournalisten, Autors, Redakteurs, Zeichners und engagierten Zeitgenossen Gerhard Kromschröder.
Bereits vor mehr als zwanzig Jahren (2005) zeigte das Emslandmuseum Schloss Clemenswerth die Werkreihe, 2010 war sie in Papenburg zu sehen, 2017 wurde sie dann noch einmal im Sögeler Ludmillenhof ausgestellt.
Warum lohnt es sich knapp zehn Jahre nach der letzten Präsentation und gut zwanzig Jahre nach der Premiere einen neuen Blick auf das Frühwerk des Bildjournalisten zu werfen?
Ein wichtiger Grund für uns ist sicherlich das Jubiläum des Emslandplanes, das in diesem Frühjahr seinen Abschluss findet. Die umfassende Serie markiert so etwas wie die DNA der Region. Sie dokumentiert über den Zeitraum von 1963 bis 1967, was geht, was bleibt, was sich verändert hat und das, was sich noch verändern wird.
Ein junger Journalist entdeckt das Emsland
Die Direktorin des Emslandmuseums Clemenswerth, Christiane Kuhlmann, hat im Dialog mit dem fast 85-Jährigen dessen Wirken, seine Sichtweisen und Erinnerungen wie folgt aufgezeichnet:
Gerhard Kromschröder, in Frankfurt geboren, studierte dort Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte. Die Frankfurter Uni galt in dieser Zeit als Keimzelle des kritischen Denkens und der Studentenbewegung. Schon in dieser Zeit entschied er sich für das Berufsziel Journalismus.
„Im Emsland bekam ich die Chance dazu. In den Stellenanzeigen für Lokaljournalisten wurde zu jener Zeit erwartet, dass der Bewerber Führerschein Klasse III und Dunkelkammererfahrung mitbrachte. Fotografieren war Teil des Jobs, und dafür gab es in der Papenburger Redaktion der Ems-Zeitung eine klapprige Voigtländer-Kamera, die Allgemeingut war und reihum benutzt wurde. Da ich seit jeher auch Interesse am Grafischen hatte, auch viel zeichnete, kam es mir sehr entgegen, als meine Mutter mir eine teure 'Edixa-Spiegelreflexkamera' der Wiesbadener Kamerawerke Wirgin samt diverser Wechselobjektive finanzierte und ich dadurch die Möglichkeit sah, ambitioniertere Fotos zu machen“, so Kromschröder heute über seine bildjournalistischen Anfänge.
Subjektiver Blick auf eine Region im Wandel
Die Fotografien der ausgestellten Serie sind mehr im Selbstauftrag als im Rahmen seiner redaktionellen Tätigkeit entstanden.
„Wenn ich heute die Bilder ansehe, bin ich erstaunt, wie fern die Zeit ist, in der sie spielen und wie archaisch alles wirkt. Diese Autos, die Kleidung der Leute, Männer mit Hüten, diese Gläubigkeit! Ist auch kein Wunder, die Fotos sind ja immerhin schlappe sechzig Jahre alt. Gleichzeitig bin ich in der Rückschau überrascht, wie mir das damals alles von der Hand ging und wie sicher ich mit dem mir neuen Medium Fotografie umgegangen bin; ich hatte ja vorher noch nie fotografiert. Mag wohl am Glück der Jugend gelegen haben.“
Die Blickwinkel, aus denen Kromschröder seine Sujets und Objekte betrachtet, sind rein subjektiv gewählt, zeugen von Neugier, von politischem Engagement und einer leichten Verliebtheit in eine Region, die ihm fremd und vertraut zugleich war und noch immer ist.
Ein wundervolles Beispiel für diese Ambivalenz im Blick ist die Fotografie von Clemenswerth, die den Titel „Das Schloss“ trägt. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die Anlage im Besitz der Herzöge von Arenberg und noch kein Museum. Im Mittelpunkt des Bildes ist die Kapelle des Kapuzinerklosters unter einem weiten Himmel zu sehen. Der zentrale Pavillon, heute Synonym und Wahrzeichen des gesamten Emslandes, wird lediglich angeschnitten.
Würde man den Ort nicht kennen, könnte er auch ein Wehr- oder Wasserturm sein, der einen undefinierbaren düsteren Schatten wirft. Das Bild nimmt der barocken Anlage das Verspielte und hinterfragt eher die Funktion des Hauses und seine wechselvolle Geschichte. Der Titel der Serie Schwarz-Weiß ist somit nicht allein auf die verwendete Bildtechnik anzuwenden, sondern in besonderer Weise auf das, was sie zeigt.
Zwischen dunkler Vergangenheit und idyllischer Landschaft
Die dunklen Seiten der Region, über die man in den 1960er-Jahren lieber schweigen wollte als sie ans Licht zu holen, wie die Emslandlager etwa in Esterwegen und Börgermoor, die Umsiedlung und Zerstörung der Gemeinde Wahn durch das NS-Regime und die Errichtung eines Schießplatzes, der bis heute der größte in Europa ist.
Die Rekrutenvereidigung in Sögel schließt sich an diesen Zyklus an. Das Bild steht nach Ansicht Kromschröders für die Wiederaufrüstung nach dem Zweiten Weltkrieg. Kromschröder zeigt keine Einzelpersonen, sondern macht aus den Reihen von jungen Männern eine anonyme Masse.
Dagegen wirken die Bilder der Ems, mit gespiegelten Wolken im Fluss, dem Sommer und Winter, dem Nebel über dem Börgerwald, wie eine Hommage an die Region. Kromschröder zeigt das Emsland mit seinem eigenen Charme, mal spröde und trocken und mal hell und idyllisch wie die alte Wassermühle in Bruneforth.
Auch für Kromo selbst sind dies besondere Motive:
„Die Ems, die Moore, der Hümmling, Hünengräber, tausende Jahre alt! Ich wurde ja nicht satt, das alles festzuhalten. Aus der Großstadt kommend, diese für mich unbekannte Welt zu konservieren, so faszinierend alt, so unmodern. Windmühlen, klapprige Autofähren über die Ems, Dorffeiern! Die vergangenen Jahrzehnte bin ich immer wieder dort gewesen, bin kreuz und quer durchs Emsland gefahren, habe vor Ort die Veränderung gesehen. Die Welt, die meine Fotos dokumentieren, gibt es längst nicht mehr. Vieles ist längst begradigt, eingeebnet, zugepflastert. Und längst gilt auch nicht mehr der abfällige Spruch über die Emsländer: 'Weiter Himmel, enger Horizont'. Auch an den Menschen ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen, auch sie haben sich verändert.“
Fotografien als Fenster zur Erinnerung
Die neue Sichtung und Präsentation der Serie gibt uns Anlass darüber nachzudenken, wie diese ikonischen Bilder in den nationalen und internationalen Kontext einzuordnen sind. Das, was vor zehn Jahren noch als Dokumentation verstanden wurde – vermittelt heute die persönliche Sichtweise eines Bildautors, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiert.
„Ich glaube, ich war, direkt von der Universität kommend, damals jung genug, die scheinbare Enge der Lokalberichterstattung als Chance zu begreifen, im Kleinen das Große zu entdecken, im Alltäglichen das Exotische und im Profanen das Erhabene – um es mal etwas pathetisch zu sagen. Als Journalist habe ich im Emsland immens viel gelernt, für mein gesamtes Berufsleben. Als zum Beispiel mein Kollege Hermann Vinke und ich begannen, uns mit der Geschichte der nationalsozialistischen Emslandlager zu beschäftigen, erlebten wir, wie wir nach Strich und Faden belogen wurden und dass es als Journalist Stehvermögen verlangt, um auch über ungeliebte Themen zu berichten. Uns wurde gekündigt, doch wir hatten den Anstoß gegeben, aus dem sich schließlich die Gedenkstätte Esterwegen entwickelte. Manchmal muss man Geduld haben, dann dauert es halt etwas länger, bis sich die Wahrheit durchsetzt."
Diese Beharrlichkeit und die entsprechenden Bilder forderten die Betrachter der 1960er-Jahre dazu auf, sich auf neue, kritische Weise mit ihrer Region, ihrer Geschichte und ihrem Alltag auseinanderzusetzen. Heute fungieren sie wie ein Fenster zu persönlichen und gesellschaftlichen Erinnerungen und Veränderungen.
Schloss Clemenswerth präsentiert Werk von Gerhard Kromschröder
Die Ausstellung „Emsland Schwarz-Weiß – Annäherung an eine Zeit und an eine Landschaft“ im Emslandmuseum Schloss Clemenswerth lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, die fotografische Sicht des Reporters und Bildjournalisten Gerhard Kromschröder auf das Emsland der 1960er-Jahre neu zu entdecken.
Gleichzeitig regt sie dazu an, den Blick auf die Gegenwart zu richten und die Veränderungen der Landschaft und ihrer Orte bewusst wahrzunehmen.
Um diese „Zeitsprünge“ sichtbar zu machen, veranstaltet das Museum während der Laufzeit der Ausstellung gemeinsam mit dem Emsland-Kurier eine lose Reihe von Fototreffpunkten.
Dabei werden Orte aufgesucht, die Kromschröder in den 1960er-Jahren fotografiert hat. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Möglichkeit, diese Schauplätze heute zu betrachten, zu vergleichen und vielleicht selbst neu zu fotografieren.
Die komplette Fotoserie konnte in Zusammenarbeit mit dem Emsländischen Heimatbund neu produziert werden. Damit ist sichergestellt, dass die umfangreiche Werkreihe auch in Zukunft präsentiert werden kann. Gleichzeitig bildet die Ausstellung den Auftakt einer neuen Reihe im Emslandmuseum Schloss Clemenswerth: Künftig sollen Fotografinnen und Fotografen retrospektiv vorgestellt oder eingeladen werden, neue fotografische Perspektiven auf die sich weiterhin wandelnde Landschaft des Emslandes zu entwickeln.
Die Ausstellung wird am Freitag, 20. März 2026, um 18 Uhr im Emslandmuseum Schloss Clemenswerth eröffnet. Zur Eröffnung sprechen Landrat Marc-André Burgdorf sowie der Journalist Hermann Vinke. Die Ausstellung ist anschließend vom 21. März bis zum 7. Juni 2026 zu sehen.
Begleitend sind mehrere Veranstaltungen geplant.
Am Sonntag, 22. März, um 12 Uhr findet ein Künstlergespräch mit Gerhard Kromschröder statt, verbunden mit einem Rundgang durch die Ausstellung.
Am Donnerstag, 7. Mai, um 18 Uhr folgt die Veranstaltung „Kromschröder und die Anderen“. In einem Gespräch mit Museumsdirektorin Christiane Kuhlmann wird dabei die fotografische Arbeit Kromschröders in den Kontext der 1960er-Jahre eingeordnet.
Ein besonderer Bestandteil des Programms sind die Fototreffpunkte „Auf Kromos Spuren“. In dieser kleinen Reihe werden Orte besucht, die Kromschröder in den 1960er-Jahren fotografisch festgehalten hat. Dabei stellt sich die Frage, wie diese Orte heute wahrgenommen werden und wie sie sich fotografisch neu interpretieren lassen.
Die Termine der Fototreffpunkte:
- Sonntag, 22. März, 15 Uhr: Schloss Clemenswerth
- Sonntag, 19. April, 15 Uhr: Erinnerungsort Wahn
- Sonntag, 3. Mai, 15 Uhr: Carl-von-Ossietzky-Gedenkstein, Esterwegen
- Sonntag, 7. Juni, 15 Uhr: Ems bei Herbrum
Moor & mehr – Geschichten aus den Naturparken
Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum
In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.
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