Einheimische Orchideen – Schönheiten im Schattendasein
Von Andreas Schüring
„Blumen sind das Lächeln der Erde“, schrieb einst der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson. Kaum eine Pflanze erfüllt diesen Gedanken so eindrucksvoll wie die Orchidee – die Königin der Blüten. Während exotische Züchtungen heute in fast jedem Baumarkt zu finden sind, bleiben die heimischen Arten meist verborgen. Dabei müssten sie den Vergleich mit ihren tropischen Verwandten keineswegs scheuen.
Von den weltweit schätzungsweise 15.000 bis 30.000 Orchideenarten kommen in Deutschland lediglich rund 90 vor. Viele wachsen unscheinbar an Waldrändern, auf kalkhaltigen Böden lichter Buchenwälder, in Feuchtbiotopen oder auf Trockenrasen. Wer sie entdeckt, begegnet oft kleinen botanischen Kostbarkeiten.
Der wissenschaftliche Name Orchidaceae geht auf den Botaniker Antoine-Laurent de Jussieu zurück, der die Pflanzenfamilie Ende des 18. Jahrhunderts systematisch beschrieb. Die Wurzeln des Namens reichen jedoch viel weiter zurück: Schon der griechische Naturforscher Theophrastos verwendete das Wort orchis – griechisch für „Hoden“ – in Anlehnung an die knollenförmigen Wurzeln einiger Arten.
Seit mehr als 2500 Jahren faszinieren Orchideen die Menschen. Im alten China galten sie als Sinnbild für Schönheit, Reinheit und Harmonie. Konfuzius erwähnte sie bereits im 5. Jahrhundert vor Christus. Auch in Europa beschäftigten sich frühe Gelehrte mit ihnen. Der griechische Arzt Dioskurides schrieb den Pflanzen heilende Kräfte zu und begründete den jahrhundertelang verbreiteten Glauben an ihre aphrodisierende Wirkung.
Orchideen zählen zu den artenreichsten Pflanzenfamilien der Erde. Ihren Verbreitungsschwerpunkt haben sie in den tropischen Regenwäldern, wo viele Arten auf Bäumen wachsen. Die genaue Zuordnung innerhalb der Familie beschäftigt Botaniker bis heute, denn Orchideen bilden immer wieder neue Hybriden. Moderne genetische Untersuchungen bringen zwar zunehmend Ordnung in die komplexe Verwandtschaft, doch viele Fragen bleiben offen.
Auch ihre Lebensweise ist außergewöhnlich. Viele heimische Orchideen leben in enger Gemeinschaft mit speziellen Wurzelpilzen. Diese versorgen die Pflanzen mit Mineralstoffen, während die Orchidee im Gegenzug energiereichen Zucker liefert. Manche Arten können dadurch sogar fast ohne Photosynthese im Schatten dichter Wälder existieren.
Ebenso raffiniert ist ihre Bestäubung. Einige Arten täuschen Insekten durch Duft oder Aussehen, andere nutzen regelrechte „Trichterfallen“. Manche locken Bestäuber an, ohne selbst Nektar anzubieten, wieder andere bestäuben sich einfach selbst.
Die Blüten der Orchideen gehören zu den erstaunlichsten Formen der Pflanzenwelt. Manche sind nur wenige Millimeter groß, andere erreichen eine beeindruckende Größe von bis zu 20 Zentimetern. Geduld braucht allerdings der Frauenschuh: Bis zur ersten Blüte können 16 Jahre vergehen.
Doch trotz ihrer Anpassungsfähigkeit geraten unsere heimischen Orchideen zunehmend unter Druck. Intensive Land- und Forstwirtschaft, Düngung und der Verlust naturnaher Lebensräume verdrängen viele Arten. Besonders betroffen sind Feuchtwiesen und Trockenrasen, die früher durch extensive Nutzung ideale Bedingungen boten.
Um auf ihre Gefährdung aufmerksam zu machen, wählten die Arbeitskreise „Heimische Orchideen Deutschlands“ das Breitblättrige Knabenkraut zur Orchidee des Jahres 2020. Einst weit verbreitet, ist es heute vielerorts selten geworden.
Orchideen sind mehr als nur schöne Pflanzen. Sie gelten als sensible Zeiger für den Zustand unserer Natur. Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Botschaft: Wer Orchideen schützt, bewahrt zugleich die Vielfalt und das Gleichgewicht unserer Landschaften.
"Träume scheinen mir wie Orchideen.
So wie jene sind sie bunt und reich.
Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
freuen in der flüchtigen Minute,
in der nächsten sind sie tot und bleich.
Und wenn Welten oben leise gehen,
fühlst du’s dann nicht wie von Düften wehen?
Träume scheinen mir wie Orchideen."
Rainer Maria Rilke (1896)



