Wie aus den Sandwüsten erneut Wälder wurden

Biologin Jutta Over von Naturrundum erklärt, wie die Eiszeiten, jahrhundertelange Nutzung und Aufforstung die Natur im Emsland formten

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  • 09.08.2026

Biologin Jutta Over von Naturrundum erklärt, wie die Eiszeiten, jahrhundertelange Nutzung und Aufforstung die Natur im Emsland formten

Wer heute durch einen Wald im Emsland geht, bewegt sich durch eine Landschaft, die über Jahrtausende immer wieder ihr Gesicht verändert hat. Gletscher, Wind, Moore, Viehhaltung, Plaggenwirtschaft und später die systematische Aufforstung haben Spuren hinterlassen, die bis heute zu sehen sind. Das zeigte die Biologin Jutta Over von „Natur rundum“ in ihrem Eröffnungsvortrag bei der Jahrestagung der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft. 

Es knirscht, schiebt und drückt. Von Nordosten bewegt sich eine gewaltige Masse aus Eis in das Gebiet, das viele Jahrtausende später Emsland heißen wird. Der Gletscher führt Sand, Lehm, Kies und Steine aus Skandinavien mit sich. Unter seinem Gewicht wird der Untergrund gestaucht, Material wird aufgeschoben und wieder abgelagert. Als das Eis schließlich schmilzt, bleibt eine Landschaft zurück, deren Formen bis heute zu erkennen sind. 

Noch gibt es weder Äcker noch Dörfer, weder Straßen noch jene Wälder, die heute große Teile der Region prägen. Es gibt Geestplatten, Endmoränen und breite Täler, durch die später Ems und Hase fließen werden. Wer der Biologin Jutta Over zuhört, reist innerhalb weniger Minuten durch Hunderttausende Jahre. 

„Das Emsland ist eine junge Landschaft“, erklärte Over. Jung zumindest in geologischen Maßstäben. Seine heutige Gestalt erhielt es vor allem während der letzten Kaltzeiten. In der Saale-Kaltzeit drangen die Gletscher bis in die Region vor. Noch heute lassen sich an den Tälern von Nord-, Mittel- und Südradde sogar die Richtungen erahnen, in denen sich das Eis bewegte. In der späteren Weichsel-Kaltzeit erreichten die Gletscher das Emsland nicht mehr. Doch eisige Winde fegten über die weitgehend ungeschützte Landschaft. Sie wirbelten Sand aus ausgetrockneten Flussbetten auf und trugen ihn weiter. Entlang der Ems entstanden Dünen. In abflusslosen Senken sammelte sich Wasser – die Grundlage für die großen Moore der Region. Dann wird es wärmer. Die ersten Bäume kehren zurück. Zunächst stehen Birken und Kiefern in einer noch kargen Landschaft. Später breitet sich die Hasel aus. Eichen, Ulmen und Linden folgen und bilden artenreiche Laubwälder. Pollen, die über Jahrtausende in Mooren und Bodenschichten erhalten geblieben sind, verraten heute, welche Baumarten zu welcher Zeit vorherrschten. 

In einer besonders warmen Phase wachsen in der Region sogar ausgedehnte Lindenwälder. In feuchten Niederungen entstehen Erlenbruchwälder. Später breitet sich die Buche aus. Buchenreiche Mischwälder und Eichen-Birkenwälder bestimmen das Bild. Doch die Landschaft bleibt nicht unberührt. Der Mensch wird sesshaft, hält Vieh, bewirtschaftet Äcker und benötigt Holz. Nun beginnt ein Kapitel, das Over als „Waldverwüstungszeit“ bezeichnet.
 
Rinder, Schafe und Ziegen werden in die Wälder getrieben. Im Herbst und Winter suchen Schweine unter Eichen und Buchen nach Früchten. Junge Triebe werden abgefressen, Laub und Zweige als Winterfutter geerntet. Die Bäume werden geschneitelt, gekappt und immer wieder zum Austreiben gebracht.
 
Noch heute stehen in einigen Wäldern und alten Weidelandschaften jene knorrigen Bäume, die von dieser Nutzung erzählen. Ihre Stämme sind verdreht, ihre Kronen ungewöhnlich breit, manche wachsen mehrstämmig aus einem gemeinsamen Pflanzloch. Verbissnarben und alte Schnittstellen machen sie zu lebendigen Geschichtsbüchern.
 
Besonders eindrucksvoll sind die alten Masteichen. Sie wurden gezielt freigestellt und in einigen Metern Höhe gekappt, damit sie breite Kronen entwickelten und möglichst viele Eicheln trugen. Der Baum war für die Bauern von großer Bedeutung: In guten Mastjahren konnten zwei oder drei Schweine von den Früchten einer einzigen Eiche schlachtreif werden.  

Auch alte Buchen erzählen von dieser Zeit. Manche könnten durch das wiederholte Schneiteln und Austreiben ein außergewöhnlich hohes Alter erreicht haben. Doch selbst für die mächtigsten unter ihnen endet irgendwann das Wachstum.
 
Wie nah Verfall und Neubeginn im Wald beieinanderliegen, zeigen drei riesige Buchen, die Over über Jahre hinweg in den Emsauen dokumentiert hat. Sie gehörten vermutlich zu den ältesten Buchen des Emslandes und durften dort ungestört altern. Nach mehreren trockenen Sommern starben zwei der Bäume ab, einer brach schließlich zusammen.

Wie nah Verfall und Neubeginn im Wald beieinanderliegen, zeigen drei riesige Buchen, die Over über Jahre hinweg in den Emsauen dokumentiert hat. Sie gehörten vermutlich zu den ältesten Buchen des Emslandes und durften dort ungestört altern. Nach mehreren trockenen Sommern starben zwei der Bäume ab, einer brach schließlich zusammen.
 
Was zunächst wie das Ende aussieht, ist im Wald zugleich ein Anfang. Striegelige Trameten besiedeln den gefallenen Stamm. Die holzzersetzenden Pilze bauen das Holz langsam ab und führen seine Bestandteile in den natürlichen Kreislauf zurück. Höhlenbrüter, Hirschkäfer, Holzwespen, Moose und Flechten finden an und in der Baumruine neuen Lebensraum. Der alte Baum verschwindet nicht einfach. Er verändert seine Aufgabe.
 
Doch vor einigen Jahrhunderten blieb vielerorts kaum noch genügend Wald zurück, um diesen natürlichen Kreislauf zuzulassen. Die intensive Nutzung lichtete die Bestände immer weiter auf. Wo Bäume verschwanden, breitete sich Heide aus. Auch sie wurde bald Teil einer aufwendigen Landwirtschaft.
 
Die Bauern stachen die obere Vegetations- und Bodenschicht ab. Diese Plaggen kamen zunächst in die Ställe, vermischten sich dort mit dem Mist der Tiere und wurden anschließend auf den Äckern verteilt. Jahr für Jahr, Generation für Generation. So entstanden mächtige Plaggenesche mit besonders fruchtbaren Böden. 

Für jeden Acker wurde jedoch ein Mehrfaches an Heidefläche benötigt. Manche Flächen konnten erst nach Jahrzehnten erneut abgeplaggt werden. Rund tausend Jahre lang prägte diese Wirtschaftsform weite Teile des westlichen Niedersachsens und besonders das Emsland.

Schließlich war nicht nur der Wald verschwunden. Auch die Heide konnte den Boden vielerorts nicht mehr schützen. Der Sand begann zu wandern. Der Wind hob ihn an, trieb ihn über Äcker und häufte ihn zu Dünen auf. Felder wurden unfruchtbar, Höfe und Dörfer bedroht. Sand gelangte in die Ems und erschwerte zeitweise die Schifffahrt.

In Schepsdorf steht eine Kirche bis heute nicht auf, sondern neben einer Erhebung: Der Hügel war eine Wanderdüne, die auf das Gebäude zuzog. Ein Revierförster beschrieb die Landschaft 1837 als eine nahezu aussichtslose Einöde. „Sand, trübener Sand ringsumher“, schrieb er – und mittendrin der Forstmann mit der Aufgabe, daraus wieder einen Wald zu schaffen.

Schon seit dem 16. Jahrhundert versuchte die Obrigkeit, die Sandverwehungen einzudämmen. Sie erließ Vorschriften, ordnete Pflanzungen an und verteilte Saatgut. Doch viele Bauern wollten ihre Weideflächen nicht verlieren. Sie trieben weiterhin Vieh auf die vorgesehenen Aufforstungsflächen oder machten das Saatgut unbrauchbar.  

Erst der Aufbau einer systematischen Forstverwaltung brachte Fortschritte. Die Flächen mussten zunächst mit Wällen eingefriedet werden. Zweige und Reisig bedeckten den losen Sand und bremsten den Wind. Dazwischen wurden Kiefernsamen ausgebracht. Es war eine Herkulesaufgabe. Laubbäume hätten auf den ausgelaugten, trockenen Böden kaum eine Chance gehabt. Die anspruchslosere Kiefer dagegen konnte wachsen. Langsam wurden aus den offenen Sandflächen jene ausgedehnten Nadelwälder, die noch heute das Bild vieler Teile des Emslandes bestimmen. 

Später kamen Fichten, Lärchen und andere schnell wachsende Baumarten hinzu. Feuchte Standorte wurden entwässert und mit erhöhten Pflanzstreifen erschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Wald möglichst schnell Holz für den Wiederaufbau liefern.
Over räumte ein, dass ihr nach ihrem Umzug ins Emsland, diese Wälder zunächst fremd erschienen. Wer nahe alter Laubwälder aufgewachsen sei, sehe in gleichförmigen Kiefernreihen vielleicht nicht sofort einen richtigen Wald. Kenne man jedoch die Sandwüsten, aus denen sie geschaffen wurden, und die Mühe, die ihre Begründung kostete, betrachte man sie mit anderen Augen.

Doch auch die aufgeforsteten Wälder blieben nicht bestehen, wie sie waren. Der Niedersachsen-Orkan vernichtete 1972 ganze Waldgenerationen. Später setzten Borkenkäfer, Stürme und trockene Sommer besonders den Fichten- und Lärchenbeständen zu.
Damit führt die Reise aus der Eiszeit unmittelbar in die Gegenwart. Wieder muss sich der Wald verändern. Wieder stellt sich die Frage, welche Baumarten künftig mit Trockenheit, Hitze und extremen Wetterlagen zurechtkommen. Gesucht werden stabile Mischwälder, die Lebensraum bieten und zugleich weiterhin Holz liefern können.
Der Gletscher ist längst verschwunden. Die wandernden Sanddünen sind bewaldet, die alten Mast- und Schneitelbäume selten geworden. Doch der Wandel, das machte Overs Vortrag deutlich, hat niemals aufgehört. Der Wald im Emsland ist kein fertiges Landschaftsbild, sondern ein Prozess – geformt von Eis und Wind, von Tieren und Menschen, von Zerstörung und Neubeginn. Auch Over selbst hat die emsländischen Kiefernforste anfangs mit Skepsis betrachtet. Inzwischen sehe sie die Wälder anders: „Wenn man weiß, mit welcher Mühe diese Wälder wieder begründet und betreut worden sind und wie lange das gedauert hat, dann sieht man es doch ein bisschen mit anderen Augen.

Moor & mehr – Geschichten aus den Naturparken


Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum 

In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
 
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.


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Felicitas Erhardt
09. August 2026